Wie viele Unternehmer konnten ihre Firma retten?

Eine Analyse der Rettungsquoten über StaRUG, ESUG und Eigenverwaltung (2015–2024)

In wirtschaftlichen Krisenzeiten lautet eine der drängendsten Fragen von Unternehmern:
„Gibt es realistische Chancen, mein Unternehmen noch zu retten – oder ist Insolvenz das Ende?“

Politik, Gesetzgeber und Berater verweisen seit Jahren auf Instrumente wie Insolvenz in Eigenverwaltung, Schutzschirmverfahren oder seit 2021 das StaRUG. Doch wie oft werden diese Instrumente tatsächlich genutzt – und wie hoch ist der Anteil der Unternehmer, die diesen Weg überhaupt versuchen?

Dieser Artikel liefert erstmals eine nüchterne, zahlenbasierte Gesamtbetrachtung der letzten zehn Jahre.

1. Die Ausgangslage: Unternehmensinsolvenzen in Deutschland

Zwischen 2015 und 2024 wurden in Deutschland insgesamt rund:

  • 182.000 bis 187.000 Unternehmensinsolvenzen beantragt bzw. eröffnet

Das entspricht im Durchschnitt:

  • 18.000–19.000 Unternehmensinsolvenzen pro Jahr

Die überwiegende Mehrheit dieser Verfahren verlief klassisch:

  • Regelinsolvenz
  • Fremdverwaltung
  • Zerschlagung oder Abwicklung

Sanierungsinstrumente wurden nur in einer sehr kleinen Minderheit eingesetzt.

2. Insolvenz in Eigenverwaltung (ESUG): Zahlen und Realität

Was ist Eigenverwaltung?

Bei der Eigenverwaltung bleibt die Geschäftsführung im Amt. Ein Sachwalter überwacht das Verfahren, die operative Kontrolle verbleibt beim Unternehmen.

Unternehmer Retter

Unternehmer Retter

Die harten Zahlen (2015–2024)

  • Eigenverwaltungen insgesamt: 2.895 Fälle
  • Unternehmensinsolvenzen insgesamt: ca. 182.000
  • Durchschnittliche Rettungsquote: ≈ 1,6 %

Rettungsquote pro Jahr (gerundet)

Jahr Eigenverwaltung Unternehmens­insolvenzen Quote
2015 261 ~23.100 ~1,1 %
2016 244 ~21.500 ~1,1 %
2017 248 ~20.100 ~1,2 %
2018 235 ~19.900 ~1,2 %
2019 302 ~18.700 ~1,6 %
2020 382 ~15.800 ~2,4 %
2021 210 ~14.000 ~1,5 %
2022 198 ~14.600 ~1,4 %
2023 345 ~17.800 ~1,9 %
2024 470 ~17.800 ~2,6 %

Interpretation

  • Eigenverwaltung ist die Ausnahme, nicht die Regel
  • Selbst im Rekordjahr 2024 nutzen weniger als 3 von 100 insolventen Unternehmen dieses Instrument
  • In normalen Jahren liegt die Quote stabil bei 1–2 %

3. Schutzschirmverfahren: Teil der Eigenverwaltung, aber selten

Das häufig medial zitierte Schutzschirmverfahren ist kein eigenes Statistik-Segment, sondern Teil der Eigenverwaltung.

Praxisrelevant bedeutet das:

  • Schutzschirm ≠ Standardlösung
  • Nur für frühzeitig handelnde, finanziell noch steuerbare Unternehmen
  • Hohe formale und strategische Anforderungen

Der tatsächliche Anteil am Gesamtmarkt ist deutlich unter 1 % aller Unternehmensinsolvenzen.

4. StaRUG: Die Hoffnung vor der Insolvenz

Was ist StaRUG?

Das Unternehmensstabilisierungs- und -restrukturierungsgesetz erlaubt seit 2021 eine vorinsolvenzliche Sanierung, ohne öffentliche Insolvenzeröffnung.

StaRUG-Zahlen (2021–2024)

Jahr StaRUG-Verfahren
2021 22
2022 27
2023 65
2024 84
Summe 198

Einordnung

  • StaRUG ist kein Masseninstrument
  • Bezogen auf die jährlichen Insolvenzzahlen liegt der Anteil weit unter 1 %
  • Häufig genutzt von:
    • größeren Mittelständlern
    • finanzinvestorennahen Strukturen
    • komplexen Finanzierungskonstruktionen

5. Gesamtbetrachtung: Wie viele Unternehmer versuchen aktiv eine Rettung?

Addiert man alle strukturierten Sanierungsversuche:

  • Eigenverwaltung (2015–2024): 2.895
  • StaRUG (2021–2024): 198
  • Gesamt:3.100 Sanierungsversuche

Bei rund 182.000 Unternehmensinsolvenzen bedeutet das:

Nur etwa 1,7 % aller betroffenen Unternehmer haben überhaupt versucht, ihr Unternehmen über strukturierte Sanierungsinstrumente zu retten.

6. Warum ist die Quote so niedrig?

1. Zu spätes Handeln

  • Insolvenzreife bereits eingetreten
  • Liquidität erschöpft
  • Vertrauen der Gläubiger verloren

2. Fehlende Beratung

  • Steuerberater ohne Sanierungserfahrung
  • Angst vor Kosten
  • Hoffnung auf „letzte Aufträge“

3. Hohe Anforderungen

  • Eigenverwaltung erfordert:
    • belastbare Fortführungsprognose
    • professionelle Planung
    • juristische und betriebswirtschaftliche Kompetenz

4. Psychologische Faktoren

  • Verdrängung
  • Scham
  • Kontrollverlustangst

7. Die unbequeme Wahrheit

Die rechtlichen Instrumente zur Unternehmensrettung existieren –
aber sie erreichen nur einen Bruchteil der Betroffenen.

Nicht, weil sie unwirksam wären, sondern weil:

  • sie zu spät
  • zu selten
  • zu unprofessionell eingesetzt werden.

8. Rettung ist möglich – aber nicht für jeden und nicht zu jedem Zeitpunkt

  • Eigenverwaltung & StaRUG sind keine Standardlösungen
  • Sie sind Hochpräzisionsinstrumente
  • Der entscheidende Faktor ist Zeit

Wer früh handelt, hat Optionen.
Wer wartet, landet statistisch fast immer in der Regelinsolvenz.

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